Montag, 1. August 2016

En dreng


Keine falsche Freude, ich lebe noch. Ich hatte nur, wie erwähnt, die Woche einen lieben alten Freund aus Dänemark zu Besuch, den ich zehn Jahre nicht gesehen habe. Es gab viel zu besprechen, zum Beispiel das Thema "Larsenschwäche", die wichtige Aufforderung "Achtung! Bockwurstwerfer, volle Deckung!", die ordentliche Reihenfolge im deutschen Haushalt ("smutzikmachen - zaubermachen) und nicht zuletzt die Erkenntnis, dass in Schweden Parkautomaten trasig sein können. Natürlich wurde auch gekocht und gegessen, aber meine - in diesem Fall äußerst erfreulichen - Pflichten als Gastgeber haben mich vom Schreiben abgehalten. Trotzdem habe ich viel über dänische Kultur gelernt und werde mich demnächst ausführlich mit dem "Kultfilm" Firmaskovturen (1978) beschäftigen (Skål, bror lort). Unser Gast hat dafür sein Deutsch verbessern können, da ihm die Gattin und besonders die Sous-Chefin auf charmante Art und Weise Unterricht gegeben haben.

Die Woche ist leider wie im Flug vergangen und wir haben Lasse heute mit einer Träne im Knopfloch am Hauptbahnhof Hannover verabschiedet. Irgendwie fehlt uns der verrückte Wikinger jetzt schon. Aber immerhin hat er ein Rezept hinterlassen, das typisch dänisch ist, aber eben auch klassisch wienerisch: paniertes Fleisch mit Zitrone, Sardellen und Kapern, auf dänisch en dreng genannt. Übersetzt bedeutet das "ein Junge". Der Ursprung des Namens ist unklar. Es könnte zum einen damit zu tun haben, dass die eigenwillige Geschmackskomposition stark ist, stark wie ein Junge (vor der Gender-Diskussion) eben. Oder vielleicht hängt es auch mit den Wiener Sängerknaben zusammen, denn en dreng wird mit Schnitzel serviert, gerne auch, wie auf dem Bild, als Smørrebrød.


Pro dreng brauchen wir: 
  • 1 Zitronenscheibe (1/2 cm dick, unbehandelt)
  • 4 Anchovis oder kleine Heringsfilets (in Öl)
  • 1 TL Kapern (in Lake)
  • 1 - 2 TL Meerrettich (frisch gerieben)

Meerrettich schälen und in feine Streifen hobeln. Zitronen heiß abwaschen, in Scheiben schneiden und Kerne entfernen.


Zitronenscheibe auf dem Schnitzel platzieren. Einen Rand aus Anchovis formen, ...


... diesen mit Kapern auffüllen und mit Meerrettich belegen. Gerne mehr von der senfig-scharfen Wurzel, als auf dem Foto, aber ich wollte auf dem Bild die einzelnen Zutaten nicht verdecken.

Ich habe das Ganze mit Haut und Haaren verspeist, also mit der Zitronenschale. Das hat eigentlich mit dem Schnitzel - hier ein Kotelett - richtig gut geschmeckt. Die Mischung aus paniertem Fleisch, Säure, Salzigkeit und Meerrettichschärfe hat für mich funktioniert. Das Urteil der Gattin jedoch: "Ne, das kann er alleine essen".


Das Kotelett war übrigens ein kaltes Überbleibsel vom Vortag. Natürlich wollte Lasse unter anderem auch typisch deutsche Gerichte erkunden. Das stellt mich jedoch in etwa vor die selbe Herausforderung, vor der meine Urgroßmutter gestanden hätte, wenn von ihr ein indisches Curry verlangt worden wäre. Schweinebraten, kann ich, aber das können die Dänen auch, und das sogar knasende sprøde. Also gab es an einem Tag Frikadellen mit Kartoffelsalat und grünen Butterbohnen und gestern eben Kotelett mit Erbsen und Möhrengemüse und Salzkartoffeln. Die Sauce besteht aus etwas Bratfett der Koteletts, in das Mehl eingerührt wird. Mit einem kleinen Schuss Weißwein ablöschen, einkochen lassen und Brühe angießen. Dann einen Schuss Sahne hinzufügen, unter Rühren eindicken lassen und mit Salz, Pfeffer und einer Prise Zucker abschmecken.  

Bis zum nächsten Treffen werden wir definitiv keine zehn Jahre warten und vielleicht machen wir ja irgendwann einmal Købnhavn unsicher. Jeg giver den næste flaske.
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