Mittwoch, 6. Januar 2016

Aus gegebenem Anlass: Interview mit mir selbst


Dies hier wäre dann der tausendste Eintrag in etwas über zwei Jahren. Grund genug für ein Interview mit dem Betreiber dieses Blogs. Da mich aber keiner um ein Interview bittet, muss ich das halt selbst machen.

Herr Westerhausen, schön, dass sie die Zeit gefunden haben, mit sich selbst zu sprechen. Haben sie sich nach all den Jahren überhaupt noch etwas zu sagen?

Doch, schon. Ich rede oft mit mir selbst, höre mir aber immer weniger zu.

Wie sind sie zum Blogger geworden?

Nun, ich koche leidenschaftlich gern, habe Spaß am Knipsen und auch am Schreiben, da war ein Blog naheliegend. Ich habe das eigentlich mehr so für mich gemacht, als Hobby sozusagen. Reich und berühmt wollte ich damit nicht werden. Nicht, dass ich etwas gegen reich und berühmt sein hätte - bei uns im Dorf bin ich weltberühmt - aber ich werde es hier nicht erzwingen.

Zwei Jahre, 1000 Einträge - behalten sie da noch den Überblick?

Hin und wieder, wenn es nichts neues gibt, greife ich ins Foto Archiv und poste etwas aus der Zeit vor dem Blog. Das sage ich dann aber auch. Einmal, ganz zu Beginn, da habe ich im April oder Mai 2014 ein Archivrezept für Frittata gepostet und ein wenig später festgestellt: "Das hattest du doch schon mal im Januar!". Da habe ich den Eintrag gleich wieder gelöscht. War aber auch egal, damals hat hier ohnehin keiner gelesen.

  

Was war ihr bisher "erfolgreichstes" Rezept?

Aus Gründen, die ich nicht verstehe, wurden die fruchtigen Curryhuhnspieße mit 573 mal am häufigsten aufgerufen. Dabei ist das eigentlich nur so nebenbei und ganz spontan entstanden. Vermutlich passte es in die Grillzeit und ich habe da einen Nerv getroffen. Manchmal verstehe ich nicht, warum ein Rezept erfolgreich ist. Obwohl man bei diesen bescheidenen Zahlen ja nicht direkt von "Erfolg" sprechen kann. Andererseits gibt es Rezepte, da denke ich: "Das ist der Oberhammer!" und dann liest das kaum einer.


Wie oft wurde die Seite schon aufgerufen und wie viele Zugriffe haben sie pro Tag?

Insgesamt sind wir jetzt bei 172.653 Zugriffen, momentan so um die 400 - 500 täglich. Monatlich liegen wir auf jeden Fall über 10.000.


Hier kann man gut sehen, wie wir seit Dezember 2013 gewachsen sind. Trotzdem sind die Zahlen natürlich ein Witz, verglichen mit Medienprofis, wie dem glatzkoch.

Woran könnte die schmale Resonanz liegen?

Ich glaube, ich koche oft an potentiellen Zielgruppen vorbei. Für gehobene Küche zu primitiv, für einfache Küche manchmal zu zeitaufwendig. Auch von den Zutaten her. Nicht jeder hat zum Beispiel Zeit oder Lust, vor dem Kochen erst monatelang im Internet nach Kurkumablättern zu suchen.


Werden sie ihren Kochstil deshalb ändern?

Auf gar keinen Fall.

Was ist ihr persönliches Lieblingsessen?

Das ist sowohl stimmungs- als auch jahreszeitenabhängig. Steak mit hausgemachter KräuterbutterLasagne, ein milanesisches Rustin Nega - übrigens das Gericht, mit dem das hier alles begann - eine gute Hühnersuppe, ein deftigeGumbo oder Pulled Pork - das sind so Sachen, für die ich alles andere stehen lassen könnte.

 

Warum posten sie nicht in anderen sozialen Netzwerken?

Ich habe einen Twitter und Pinterest Account, nutze beide aber nicht. Warum? Weil ich Hashtags nicht verstehe und auch finde, dass die doof aussehen. 

Ich poste aber in einigen Google+ Cummunities. Das ist zwar sehr zeitaufwendig, insbesondere auf fremdsprachigen Seiten, aber immerhin habe ich so meine Französisch-, Italienisch- und Spanischkenntnisse verbessern, beziehungsweise erst einmal aufbauen können. Mit Englisch habe ich keine Probleme, schließlich bin ich Anglist und unterrichte das Fach auch in der Oberstufe.

Stimmt, sie sind ja Lehrer. Was unterrichten sie?

Kinder. Ich unterrichte Kinder. Das ist meine Standardantwort auf diese Frage (manchmal auch: "Irgendwas im zweiten Stock") denn ich bin Lehrer geworden, weil ich Kindern einen guten Start ins Erwachsenenleben ermöglichen möchte und da ist Bildung die Eintrittskarte. Das Kind, mit seinen individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten steht im Mittelpunkt, nicht ein abstrakter Lehrplan. Alles andere ist wie Tütensuppenkochen oder Fastfood.

Was ist mit Fastfood?

"Fastfood" heißt ja eigentlich nur "schnelles Essen". Dagegen spricht zunächst ja einmal nichts. Nach dieser Definition mache ich hier viel Fastfood. Anders dagegen Junkfood, also "Müll-Essen". Das brauche ich eher weniger. Nicht in meiner Küche und auch sonst nicht in meinem Magen. In einschlägigen Junkfood Läden wird man mich sicherlich nicht antreffen, aber gegen einen guten, selbstgemachten Burger ist nichts auszusetzen.


Gibt es irgendetwas, dass sie mögen, obwohl sie genau wissen, dass es total ungesund ist?

Sie meinen jetzt außer Wein? Ja, da gibt es etwas, dass ich total gerne esse, aber höchstens einmal im, Jahr, weil es eine wahre Kalorienbombe ist: überbackenes Gyros mit Spaghetti und Hollandaise. Das ist so mächtig, das hat ein eigenes Gravitationszentrum. Sicherlich nichts für den schlanken Fuß, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

Ihre liebste Pasta?

Lasagne hatte ich ja schon erwähnt. Ansonsten vermutlich irgendetwas gefülltes, das nur in Butter geschwenkt wird.



Ihre größte Dummheit in der Küche?

Einmal - wir hatten unser Palais hier gerade erst gekauft und alles frisch renoviert, das muss so im Herbst 2007 gewesen sein - da habe ich eine Béchamelsauce gemacht und, wie es sich gehört einige Zeit sanft simmern lassen. Dann bin ich aber irgendwie abgelenkt worden und, warum auch immer, mit der Gattin zum Einkaufen gefahren. Als wir wiederkamen, war die Küche verqualmt. Bei uns ist ja alles offen, keine Küchentür und wir haben eine Durchreiche zur Essecke. Nun ja, der Topf auf dem Herd schillerte bereits in allen Regenbogenfarben, die Sauce war zu einem schwarzen, granitharten Klumpen verkocht und hatte den Metallquirl am Boden des Topfes quasi festgeschweißt. Da habe ich spontan den Topf samt Inhalt entsorgt. Das Branchgenverzeichnis gleich mit, damit die Gattin nicht unter "S" wie "Scheidungsanwalt" schauen konnte. Zwei Wochen und etliche Wäschen von Gardinen und Polsterbezügen hat es gebraucht, bis es wieder normal roch. Das braucht kein Mensch.    

Oder dieses Jahr in der Nacht zu Heiligabend, als ich mir beim Zucchinihobeln die Kuppe des rechten Ringfingers fast abgesäbelt habe und um 1:20 Uhr in der Notaufnahme gelandet bin. Vier Stiche. Die Fäden sind gestern gezogen worden, trotzdem trage ich noch einen Verband. Das beeinträchtigt einen doch sehr, besonders beim Teigkneten. Das hat man nun davon, wenn man mal fleischlos essen will. Ab jetzt gibt es wieder Steak!

Trotzdem komisch, dass die Kategorie "vegetarisch" bei ihnen die Größte ist und auch immerhin 74 vegane Rezepte zu finden sind.

Ich habe ja nichts gegen vegetarische oder vegane Gerichte, wenn sie zu Fleisch serviert werden. In meiner Jugend war ich auch mal Vegetarier. So ein Phase macht wahrscheinlich jeder durch. Ich auch. Das waren die schlimmsten fünfzehn Minuten meines Lebens. Ein Bekannter war auch mal Vegetarier und der hat deshalb aber tatsächlich in zwei Wochen vierzehn (in Worten 14!) Tage seines Lebens verloren.

Aber einmal ernsthaft - diese ganzen Ernährungsmoden sind doch auch Wohlstandsphänomene. Weltweit können sich nur die wenigstens aussuchen, was sie essen oder es sich erlauben, auf Nährstoffe zu verzichten. Und wer glaubt, dass eine "Steinzeitdiät" gesund ist, dabei aber übersieht, das sowohl Pflanzen, als auch unserer Verdauungssystem anders ist, als vor 10,000 Jahren, der glaubt auch daran, dass Fleisch Poren hat, die sich beim Anbraten schließen.   

Kommen wir zum Fotografieren. Benutzen sie Bildbearbeitungsprogramme?

Ja, irgendwie muss ja die "wesfood 201x" Schrift auf das Bild kommen. Bei Innenaufnahmen kann es vorkommen, dass ich den "Weißabgleich" nachträglich korregiere, aber das kommt selten vor. Im Normalfall gilt: what you see is what you get. Man kann auch sehr gut erkennen, dass die Fotos während der Zubereitungsphase nur schnelle Schnappschüsse sind. Für die Fotos des fertigen Resultats habe ich dann mehr Zeit, wenn auch nur geringfügig. Lasse ich mir zuviel Zeit damit, höre ich in der Essecke die Gattin zur Sous-Chefin sagen: "Dein Vater muss erst wieder stundenlang Fotos machen". Außerdem wollen wir ja auch kein kaltes Essen zu uns nehmen.

Die Gattin und die Sous-Chefin, beziehungsweise "die Kleine" tauchen immer wieder in den Einträgen auf ...

... und sind letztlich genauso Kunstfiguren, wie Herr Westerhausen hier im Blog eine ist. Natürlich denke ich mir das alles nicht aus. An den Haaren herbeigezogen ist hier nichts und ich meine, hier schon sehr authentisch zu sein. Im wahren Leben sind wir aber natürlich alle vielschichtiger, als hier dargestellt. Nicht alles, was im Leben passiert, gehört in diesen Blog.

Also, die Kleine hilft schon mal gerne in der Küche und fragt, was ich da mache und warum. Sie hat das Interesse dafür. Und dass die Gattin mitunter eine sehr kritische Esserin ist, entspricht auch der Wahrheit.

Was gab es heute zu essen? Kaviar, Langusten oder frittierte Wachtelzungen für das tausendste Rezept?

Nein, heute blieb es bodenständig, wenn auch potentiell dreigängig. Zum einen war noch Suppe von gestern da. Dann gab es dicke Rippe aus dem Ofen, in Weißwein, Thymian, Knoblauch und Paprikapulver mariniert, dazu Bohnen im Speckmantel, in Salzwasser gekochten Romanesco, Kartoffelbrei und selbstgemachte Hollandaise.


Danach dann einen genial einfachen Schokopudding. 500 Milliliter Milch, 30 Gramm Speisestärke, 60 Gramm Kakaopulver und  80 Gramm Zucker. Hälfte der Milch erhitzen, andere Hälfte mit den trockenen Bestandteilen gut verrühren. In die heiße Milch geben und unter Rühren aufkochen lassen, bis es bindet. Ich weiß ehrlich nicht, wozu man da eine Tüte braucht. Wenn man weiß, dass ein guter Esslöffel etwa 20 Gramm trägt, braucht man nicht einmal eine Waage.

Was gibt es morgen?

Fragen sie morgen noch einmal.

Welche Hobbys haben sie außerhalb der Küche?

Nun, ich sortiere gerne Kartons in Supermärkten und rücke Ware gerade zurecht. Da bin ich Monk. Außerdem mache ich gerne Musik, habe dafür aber wenig Zeit. Momentan spiele ich Bass in der Lehrerband. Macht Spaß, ist aber nicht so meine Musik. Ist mir zu funkig und soulig. Nichts gegen Soul, aber persönlich stehe ich eher auf laute Musik. Ich bin mit Metal, Punk und Hardcore sozialisiert worden, aber auch mit gutem Rockabilly Country, wie zum Beispiel Johnny Cash. Das prägt, auch wenn sich der musikalische Horizont mit den Jahren zwangsläufig erweitert. Mit Radiomusik kann man mich verjagen. Es ist nun mal so, aggressive Musik entspannt mich und Entstpannungsmusik macht mich aggressiv.  


Johnny Cash und Heavy Metal - zwei Gründe, warum sie immer Schwarz tragen?

Ich werde Schwarz tragen, bis sie eine Farbe erfinden, die dunkler ist.

Sie sind ganz schön schlagfertig

Nein, ich weiß nur schon im Voraus, was ich mich in diesem Interview fragen werde.

Ihre größte Stärke?

Ehrgeiz. Wenn ich etwas wirklich möchte, gebe ich nicht auf, bis ich es habe. Ich bin aber auch im Normallfall ein Teamplayer, habe, so meine ich, ein gutes Gespür für Menschen und komme mit fast Allen gut aus, ohne mich zu verbiegen. Ich kann auch nicht nachtragend sein. Ob das aber wirklich eine Stärke ist, weiß ich manchmal nicht.

Ihre größte Schwäche?

Ehrlichkeit.

Ich denke nicht, dass das eine Schwäche ist.

Es ist mir doch scheißegal, was du Schwachkopf denkst.

Okay, noch ein paar private Fragen.

Ich bin verheiratet!

Ich auch ... und mit der selben Frau sogar. Was ist ihr Lieblingsblog?

Einige. Steffis Nähstübchen zum Beispiel. Tolle Ideen und auch eine tolle Familie. Das sind Freunde, mit denen wir auch schon Urlaub gemascht haben. Ganz groß. 

Ich habe ja auch den Glatzkoch schon erwähnt. Wir sind komplett verschieden aber doch ähnlich. Die perfekte Identität von Identität und Nicht-Identität, pure Dialektik.

Jetzt wird es aber hegelianisch.


Kein Problem, wir sind doch auch Philosophielehrer. 

Was ist ihr Lieblingssong?

Auch das ist stimmungsabhängig, aber "Anesthesia" von Type O Negative ist ein heißer Kandidat. Ich habe die Band aus Brooklyn mehrfach getroffen, war beim Wacken 2007, als sie dort Headliner waren, der einzige VIP Gast der Band und der Keyboarder ist immer noch ein guter (Internet-) Freund.
 


Lieblingsfilm?

Hier lesen auch Minderjährige mit? In diesem Fall The Big Lebowski.

Die beste Fernsehsendung?

Ich schaue kein Fernsehen, bis auf Formel 1 Rennen. Früher haben kluge Menschen Fernsehen für andere kluge Menschen gemacht. Dann haben kluge Menschen entdeckt, dass es einfacher ist, Fernsehen für dumme Menschen zu machen. Heute machen dumme Menschen Fernsehen für andere dumme Menschen. Ich brauche das nicht. Ich kann auch im Internet verdummen.

Lieblingsfarbe?

Schwarz! Hörst du mir eigentlich nicht zu?

Nein, Sie mir doch wohl auch nicht, oder?

Oh.

Ich denke, wir beenden das hier jetzt mal. Vielen Dank, dass sie Zeit für sich hatten.

Vermutlich aus Mangel an Alternativen. Danke auch für mein Interesse an mir selbst.

To be continued ...

Kommentare:

  1. Hihi,
    ein sehr spannendes Interview.
    ich denke wenn du Doro gefragt hättest,
    sie hätte sicherlich zugesagt,
    wer weiß, was dabei herausgekommen wäre.
    Bei deinen Leserzahlen ist mir fast schwindelig geworden,
    davon kann ich nur träumen.
    Ich wünsche dir viel Erfolg
    und freue mich auf viele neue Rezepte von dir.
    Allerdings mag ich keine gegrillten Wachtelzungen.
    Liebe Grüße
    Nähoma

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    1. Danke für die netten Worte und danke für den Tipp. Bei der 2000 frage ich dann Doro.

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  2. lieblingslars, alles gute zum 1000 beitrag und vielen dank für die namentliche erwähnung. ich kenne keinen blog, den ich so schön finde wie deinen und das meine ich ganz ehrlich. klar, es gibt schöneres design und schönere bilder, aber eben nichts was so ein gesamtkunstwerk im ganzen ist, mit intelligenten texten. schönen gruß jörg

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    1. Danke. Ich darf das Kompliment zurückgeben. ;) Wir sind schon so zwei Originale.

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  3. Hallo und Gratulation.
    Ich finde Dein Interview wirklich gut. Alles, was es zu Deinem Blog zusagen gibt ist da. Man weiss genau woran man ist. Nichts ist falsch, alles echt. Das mag ich daran. Besonders gerne schaue ich in Deine Rezepte für die Basic´s. Wie lange garst Du dieses oder wie lange bäckst Du jenes. Das ist sehr hilfreich. Weiter so.
    Happy birthday.
    Liebe Grüße Katrin

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    1. Danke für die netten Worte. Man tut, was man kann. :)

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  4. Incredibly fun this self-interview, worthy of a true genius.
    Congratulations on your hard work as a blogger that soon led you to a thousand post.

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    1. Thank you. I hope it makes sense translated into Spanish ...

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