Dienstag, 7. April 2026

Surströmming - von einem, der auszog, olfaktorisch Harakiri zu begehen


Ich mag meine Schwester, wirklich, aber sie hat das große Talent, mich immer wieder ungefragt in irgendwelche Aktionen hineinzuziehen. Das beginnt dann meist mit den Worten: "Es könnte sein, dass...". Wir sind ja alle große Schwedenfans und haben da die letzten Urlaube auch gemeinsam verbracht. 2024 hat sie  dort - meine Schwester spricht Schwedisch - ein nettes Ehepaar kennengelernt, die mittlerweile gute Freunde sind. Es begann aber damit, dass sie zu mir sagte: "Es könnte sein, dass ich den Schweden aus einem Affekt heraus versprochen habe, dass du ihnen in unserem Ferienhaus Schnitzel zubereitest. Die kommen dann heute Abend um 18:00 Uhr. Das kriegst du hin, oder?" Oder Weihnachten 2025, als wir ein Haus auf einem großen Hof gemietet hatten und sie mit den Besitzern, die im Haupthaus gegenüber wohnten, redete, zurückkam und zu mir sprach: "Es könnte sein, dass ich versprochen habe, dass du heute Abend bei denen den Weihnachtsmann (Jultomte) spielst". Ebenso kam es ihr April letzten Jahres in den Sinn, dass es auch zur wahren Schwedenerfahrung gehört, Surströmming zu essen. Der Haken an der Sache: sie ist Vegetarierin, also war das wieder einer dieser "Es könnte sein...."-Momente.


Surströmming ("saurer Ostseehering) ist extrem fermentierter Fisch in Dosen. Er gilt als das übelst riechende Lebensmittel der Welt. Wie man sieht, sorgt die Gasentwicklung bei dem erwünschten Zersetzungsprozess dazu, dass die Dose sich nach einiger Zeit aufbläht. Das nennt sich "Bombage" und ist normalerweise ein Zeichen dafür, dass der Inhalt schleunigst entsorgt werden muss. Hier ist das aber gewollt, denn erst wenn sich das Blech nach außen biegt, ist der Fisch genau, wie ihn den Schweden wollen: richtig schön ekelig. Deshalb hat der Deckel der Dose auch faltige Rillen, die wie Dehnungsfugen funktionieren. 


Wie gesagt, Schwerterherz hatte die Dose im April 2025 bestellt und wir wollten sie eigentlich mit in den Urlaub nehmen, haben aber dann aber doch davon Abstand genommen, denn wenn das Ding uns auf der 16-stündigen Fahrt im Auto hochgegangen wäre, hätten wir das Fahrzeug samt Inhalt entsorgen können. Hier kann man gut sehen, dass es jetzt aber allerhöchste Zeit wurde, sich der Sache anzunehmen, denn das Ding war kurz davor zu platzen. Also sind wir in ein abgelegenes Waldstück gefahren (ich habe ja noch Ferien, da kann man solche Aktionen durchführen), um mit meinem Leben zu spielen.


Hier sind keine Aliens gelandet, es wird auch keine Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg entschärft oder alte Brennstäbe zur Endlagerung gebracht  - die Wirklichkeit ist viel schlimmer. Hier ist Schwesterherz mit der Dose und einem Eimer, denn es empfiehlt sich, das Gebinde unter Wasser zu öffnen, um zu verhinders, dass es spritzt. Lieber möchte man von einem Rudel Stinktiere, das nach dem Genuss von Bohnensuppe an Durchfall leidet, besprüht werden, als auch nur ein My Surströmming auf Kleidung oder Körper zu haben. Gut vorbereitet standen wir also nun zu fünft im Wald. "So, gib mir mal den Dosenöffner." - "Den hast du doch eingesteckt!" - "Ich? Wieso ich dachte du ...". Schweigen. Aber wir hatten zufällig einen Erdlochbohrer für Pflanzen im Auto, also haben wir den verwendet um ein Loch in die Dose zu piksen, aus dem auch sofort Gasbläschen herausblubberten, wie nicht Gutes. Nun konnte die Dose mehr oder weniger gefahrlos aus dem Wasser genommen werden. Obwohl die Öffnung im Blech wirklich nicht groß war, entfaltete sich sofort ein Geruch, der so unbeschreiblich widerlich war, dass ihn selbst die Gattin und die Sous-Chefin, die etwa 30 Meter weit entfernt am Auto in Deckung gegangen waren, ihn zu ihrem Leidwesen wahrnehmen konnten. Die ersten Vögel fielen tot vom Himmel, Rehe erbrachen sich im Unterholz und das zaghaft heranwachsende Frühlingsgrün verwelkte schlagartig. In den umliegenden Städten hörte man die Giftgas-Alarmsirenen, Fliegerstaffeln stiegen auf, Hubschrauber schwebten über uns und die Telefonleitungen zwischen den höchsten Ebenen in Washington, Berlin, Paris und London glühten. Botschafter wurden einbestellt, der Kreml erzitterte und Pjöngjang beschuldigte Seoul, seine Finger im Spiel zu haben. Die Welt stand mal wieder dort, wo sie sich metaphorisch oft befindet: am Abgrund.     


Nun vergrößerten wir das Loch mit einem Seitenschneider und der Himmel färbte sich giftgrün. Nun endlich aus der Dose befreit, krochen Übel aus ihr heraus, die selbst Pandora hätten erblassen lassen. Etwas so abartig Riechendes kann man sich nicht ausdenken. Überraschenderweise roch es jedoch nicht wirklich fischig. Jeder, der schon einmal im Hochsommer bei 40 °C mit offenen Fenster durch den Hafen von Hanstholm in Dänemark an den Containern der Fisch-Verwertungsanlagen vorbei gefahren ist, weiß, wie sehr dieser Geruch den stärksten Magen umdreht. Das hier war anders, irgendwie perfider. In etwa so, als würde man den Gestank, der einer Biotonne im Hochsommer entweicht, wenn der Inhalt zu Matsch vergoren ist, um das Zehnfache steigern. Dagegen riecht Gülle wie Rosenwasser. Surströmming ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Ich habe dann mutigerweise ein Stück probiert. Was soll ich sagen? Von der Konsistenz her ist das eher schleimig, aber im Geschmack deutlich milder, als der Geruch vermuten lässt, obwohl es nach wie vor wie vergammelte Zwiebeln oder modriger Kompost schmeckt, der irgendwie eine leicht salzig-saure Note hat. Jetzt fragt mich bitte nicht, woher ich das weiß. Was soll ich sagen, der Geruch haut einen aus den Schuhen, der Geschmack ist auch widerlich, aber wenn das wirklich zu den übelsten Sachen gehört, die man als Lebensmittel bezeichnen kann, dann kann der Rest der Liste auch nicht so schlimm sein. Es ist vermutlich eine Kopfsache und wenn man es nicht riechen oder essen würde und erst gar keine Dose davon kauft, wäre es vielleicht nur halb so wild. Hat es mir geschadet? Ich denke nicht. Brauche ich das jetzt öfter? Geh mir fort mit dem Zeug. Der Geruch blieb übrigens den Rest des Tages in meiner Nase. Es kann Einbildung sein, aber ich hatte auch das Gefühl, dass er mir aus den Poren drang. Ich liebe Schweden und bin ein wenig stolz, das probiert zu haben, aber ich bleibe da lieber bei Köttbollar. Ach ja, normalerweise verpixele ich ja Markennamen auf Produkten, wenn es sich nicht verhindern lässt, diese zu zeigen. Dies hier ist aber Importware, die hierzulande nicht verkauft wird. Deshalb ist es auch keine Schleichwerbung. Ich denke, weiter weg von einer Produktempfehlung kann man ohnehin nicht sein. Ich warte jetzt trotzdem auf eine Anruf aus Stockholm mit der Mitteilung, das man mir den Nordstern-Orden für zivile Verdienste am schwedischen Volk verleiht. Ein Tapferkeits-Nobelpreis müsste aber auf jeden Fall drin sein. 
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Flashback:



Heute vor einem Jahr: Mapo Tofu - vegane Edition

7 Kommentare:

  1. Hah; mein Oberheld !
    Welch eine Tat, die deiner mehr als nur würdig ist. Evil Knievel ist doch dagegen nur ein lauer Pups in den Wind.
    Wahrlich, dies ist eine Mutprobe, die nur die allerhärtesten bestehen. Du kannst wirklich stolz auf dich sein.
    Aber deine Schwester ist ja schon auch ne ganz schön harte Nummer. Geschwisterliebe halt..
    Köstliche Geschichte und auch noch so anschaulich geschildert. Bravo.

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    1. Ein Eintrag weniger auf der Bucket List - obwohl das glatt mein Bucket hätte werden können.

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    1. Gerade zu Ostern opfere ich mich gerne für eure Sünden.

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  3. Kungen håller på med graveringen av medaljen i detta nu

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    1. Jag vill vara där på prisutdelningen. 🥇

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  4. Über die Begebenheit habe ich so lachen müssen wie lange nicht mehr. Danke!
    Noch vor kurzem sah ich in youtube, wie in einer Art Mutprobe jemand von dieser Spezialität probierte.
    Gerne würde ich zumindest 10 Meter heran und schnuppern. Von Berufs wegen wurde ich mich ekligen Gerüchen konfrontiert, ich würde gerne meine Grenzen kennenlernen auf dem Gebiet. Gerichtsmedizinische Pathologen sind bestimmt Abgehärtesten.
    Wie kommt man darauf, so etwas einzulegen und essen zu wollen? Ich habe direkt in Wikipedia nachgeschaut, fand aber nicht viel über den Beginn dieser Leckerei. Hat man beim Abfüllen Gasmasken auf?
    Das schlimmste, was ich je gegessen habe, war der Harzer Käse. Der Geruch ist fies, aber geschmacklich geht es.

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